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Erfahrungsberichte / Gedanken

Der 24. Februar 1998, das Datum das ich nie vergessen werde.

Ruth Bähler

Diagnose I-
Smoldering Plasmazell-Myelom

Anfangs Februar 1998 liess ich bei meinem Hausarzt meine mir unerklärbare Müdigkeit und einer seit 20 Jahren bestehenden durch Kälte induzierte Raynaud-Symptomatik, abklären.
Zur weiteren Abklärung meldete mich mein Hausarzt für den 10. Februar 1998 im Unispital Basel für eine Knochenmarkuntersuchung an. Am 24. Februar 1998 dann die Diagnose  „Multiples Myelom IgG kappa, Stadium IA“ (Typ smouldering myeloma).

Wie ich heute weiss, ging es mir damals wie vielen MM-Patienten. Multiples Myelom, noch nie davon gehört, was heisst das nun für mich. Der Hämatologe erklärte mir, dass es eine Krebserkrankung des Knochenmarks ist. Auf meine Frage, wie lange ich noch zu Leben habe, antwortete er mir – bei Erstdiagnose 3 – 5 Monate, doch in ihrem Fall können sie  noch gut und gern 20 Jahre ohne Behandlung leben.
Diese Information war erst einmal ein Schock, den ich verdauen musste, nur die 3-5 Monate sind hängen geblieben. Erst später habe ich realisiert, was der Arzt noch gesagt hatte, nämlich, dass ich in meinem Fall noch gut 20 Jahre unbehandelt leben kann.
Ich verstand die Welt nicht mehr, ich hatte keine Schmerzen und war ausser der Müdigkeit fit, spielte Tennis, fuhr Ski und machte zweimal in der Woche Krafttraining und wir tanzten wann immer es eine Gelegenheit gab. Auch gingen wir oft mehrere Stunden wandern. Soll mein Leben nun schon zu Ende sein? Ich war gerade mal 55 Jahre und stand noch mitten im Berufsleben. Ueli und ich hatten doch noch so viele Pläne. All dies ging mir durch den Kopf. Wut und Angst, ein Wechselbad der Gefühle.

Als ich am Abend Ueli mitteilte, dass ich Krebs habe, wollte er es nicht glauben. Vor allem verstand er nicht, warum keine Behandlung gemacht wurde. Erst ein gemeinsames Gespräch bei unserem Hausarzt brachte auch für ihn Klarheit.

Doch bald schon hatte ich gelernt, meine Krankheit anzunehmen und dank meiner positiven Lebenseinstellung konnte ich gut damit umgehen. Die Frage warum ich, habe ich mir nie gestellt. Meine Devise hiess; Ich lebe mit dem Myelom, das Myelom ist nicht mein Leben. Doch nichts desto trotz hing die Krankheit wie ein Damoklesschwert über uns. Bei jeder Kontrolle erwarteten wir die Resultate mit Spannung, denn es gab keine Erfahrungszahlen, wann ein Smoldering in ein aktives Plasmazell-Myelom übergeht.
 

Motivation

Anfangs 1999 fand ich in der BAZ einen Artikel von Henk Mittendorf über eine Patienten-veranstaltung der IMF (International Myeloma Foundation). An diesem Anlass wurden die MM-Selbsthilfegruppen St. Gallen und Zürich ins Leben gerufen. Ich kontaktierte Henk Mittendorf um von ihm mehr über das Myelom zu erfahren. Das Erste was er sagte war, du wohnst in Basel, super dann kannst du gleich eine SH-Gruppe gründen. Das war eigentlich nicht das, was ich hören wollte oder mir vorgestellt hatte.
Da es mir jedoch weiterhin gut ging, war ich bereit, mich mit Henk Mittendorf, Franz Mosimann und Richi Maier, alles Myelom-Patienten, zusammen zu sitzen. Damit wir die Gruppen nach aussen besser vertreten konnten, beschlossen wir Ende November 1999 einen Verein als Dachorganisation zu gründen. Mittlerweilen gibt es sechs Gruppen in der deutschen Schweiz und zwei in der Romandie.

Ich suchte Kontakt mit anderen Betroffenen. So besuchten wir im April 2000 eine Patientenveranstaltung in Wien. Während der Veranstaltung realisierte ich, das es den meisten Betroffenen wesentlich schlechter ging als mir, das war die Motivation, dass ich mich für Myelom-Patienten engagieren wollte und ich begann mir über die Gründung einer SH-Gruppe in Basel Gedanken zu machen. Da ich meine Krankengeschichte bei mir hatte, ergriff ich auch die Gelegenheit um eine Zweitmeinung ein zu holen. Ich erhielt die Bestätigung des kontaktierten Arztes, dass er mit dem Vorgehen der Kollegen in Basel  -Watch and Wait- übereinstimme.  
Im Juli 2000 nahm ich mit Herrn Ruesch von der Krebsliga beider Basel zwecks Gründung einer MM-Gruppe Kontakt auf. Bald darauf teilte er mir mit, dass wir einen Raum für die monatlichen Treffen zur Verfügung gestellt bekommen. Das erste Gruppentreffen fand bereits am 16.Oktober 2000 statt.

2001 organisierte Henk Mittendorf das erste Patientensymposium der Myelom Kontakt-gruppe Schweiz in Wil, mit Referenten aus dem In- und Ausland. Es war ein schöner Erfolg nahmen doch damals schon 80 Patienten und Angehörige daran teil. Da die Resonanz so gut war, beschlossen wir, alle zwei Jahre ein Symposium durch zu führen.
Bald entstand auch unsere eigene Website, die intensiv besucht wird. Als ich im Jahr 2005 das Präsidium der MKgS übernahm, kam mir die Idee  ein Bulletin mit diversen Berichten und Informationen heraus zu geben.
Leider mussten wir uns von den Mitgründer der MKgS Henk Mittendorf, Richi Maier und Franz Mosimann verabschieden.

Seit 13 Jahren leite ich nun als Präsidentin die Geschicke der Myelom Kontaktgruppe Schweiz. Heute weiss ich, dass ich dank meinem langsamen Krankheitsverlauf sowohl die Motivation als auch die Energie hatte und auch dank der grossen Unterstützung von meinem Mann Ueli, dass ich die mir sehr am Herzen liegenden Arbeiten bewältigen konnte.
 

Diagnose II  
nach 19 Jahren ohne Therapie

Seit Mitte 2016 hatte ich wieder die gleiche Müdigkeit (Fatigue) wie 1998. Ich kontaktierte Anfangs Juli 2016 meine Hämatologin für eine vorgezogene Kontrolle. Es wurde eine bildgebende Diagnostik durchgeführt. Nach allen Kontrollen wurde keine Progression des Smoldering Myeloms festgestellt. Es gab einen leichten Anstieg des Paraproteins und den freien Leichtketten und die Entwicklung einer leichten Anämie.
Um nichts zu verpassen, wurde Ende 2016 erneut eine bildgebende Diagnostik sowie eine Knochenmarkpunktion durchgeführt. Leider zeigte die Knochenmarkinfiltration ein Kappa-klonales Plasmazell Myelom von 80% (1998 = 10%) mit ungünstiger Zytogenetik. Das heisst, es bestand aktuell ohne Zweifel eine Therapie-Indikation.

Im persönlichen Gespräch vom 27. Februar 2017 mit Prof. Passweg, Frau Dr. Schwarb, Frau Dr. Stern und meinem Mann, empfahl mir Prof. Passweg eine Induktionschemotherapie mit drei Zyklen VRD, gefolgt von einer Stammzellmobilisation, Hochdosis-Chemotherapie mit Melphalan sowie anschliessender autologer Stammzell-Transplantation. Ich hatte Bedenken bezüglich der Aggressivität der Therapie angesichts meines Alters.
Ich hatte mir einige Tage Bedenkzeit genommen und das Für und Wider mit meinem Mann besprochen. Nach reiflicher Überlegung hatten wir uns für diesen Weg entschieden, denn die Chancen eine gute Remission zu erreichen, waren eindeutig besser.

Nach 3 Zyklen VRD wurde eine Knochenmarkpunktion gemacht. Diese zeigte eine partielle Response.
Am 4. Juni musste ich notfallmässig ins Unispital. Ich konnte nicht mehr gehen und hatte starke Schmerzen in den  Füssen und Unterschenkel. Neuropathie lässt grüssen. Ich wurde auf die Station verlegt und mit Schmerzmitteln behandelt. Bei den diversen Untersuchungen wurde am 6. Juni 2017 auch noch eine Nebenniereninsuffizienz festgestellt, die bis auf weiteres mit Hydrocortison behandelt werden muss. Da ich den Termin für die SZT wusste, wollte ich unbedingt dazwischen noch eine Woche nach Hause.

Am 30. Juni 2017 fand dann die autologe SZT statt. Bis dahin ging es mir mit Ausnahme der PNP, die mir das Gehen sehr erschwerte, gut.
Es wurde ein PICC-Line Katheter implantiert der leider nach einer Thrombose wieder entfernt werden musste. Danach erhielt ich einen ZVK am Hals. Während der Regenerationsphase kam es zu schweren Komplikationen wie Mukositis, hohes Fieber in der Aplasie und ein Refeeding Syndrom (Mangelversorgung). Essen war unmöglich, alle Medikamente mussten mir intravenös verabreicht werden. Sogar die Ärzte waren überrascht, dass ich so heftig reagierte. Es waren fünf harte Wochen, fortbewegen war nur im Rollstuhl möglich. In dieser Zeit nahm ich zwölf Kilo ab. Das Pflegepersonal war einfach super. An jedem noch so kleinen Fortschritt nahmen sie teil. Ihre liebevolle und kompetente Betreuung hatte mir sehr geholfen.
Ich hatte immer kleine Ziele. Eines davon war, dass ich anschliessend in die Reha Rheinfelden wollte und das konnte ich nur erreichen, wenn ich essen und die Medikamente selber schlucken konnte. Das nächste Ziel war unser geplanter Urlaub Ende August im Tirol.

Am 28. Juli 2017 war es soweit dass ich in die Reha Rheinfelden verlegt werden konnte. Auch hier setzte ich mir wieder kleine Ziele. Die ersten Tage musste ich im Rollstuhl zu den Therapien gebracht werden. Nach einer Woche Physio und medizinischem Krafttraining konnte ich bereits den Rollator benutzen und ein paar Tage später ging ich allein zu den Therapien.
Da meine Blutwerte nicht anstiegen, musste ich zweimal ins Unispital Basel. Es wurde eine Neutropenie an der Grenze zur Aplasie mit Thrombopenie festgestellt. Ich bekam Neupogen zur Aktivierung, was leider erfolglos blieb. Am 15. August 2017 konnte ich die Reha, wie ich es mir vorgenommen hatte, verlassen und durfte endlich nach neun Wochen wieder nach Hause. Es war sowohl für mich als auch für Ueli eine sehr emotionale Situation. Überhaupt war ich dünnhäutiger geworden und die Tränen sassen locker.

Am nächsten Tag war ich wieder im Unispital Basel für eine Knochenmarkpunktion und Blutkontrolle.
Noch immer kein Anstieg der Blutwerte. Mein Knochenmark war leer. Ich erhielt Blut-plättchen zur Unterstützung. Unser geplanter sehnlichst gewünschter Urlaub ins Tirol mussten wir leider absagen. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Bei der Kontrolle am 4.September 2017 zeigte sich endlich ein Anstieg der Werte, was für eine gute Mitteilung.

Etwas das ich nie verloren hatte, war meine positive Einstellung und das Vertrauen in meinen Körper. Ich brauchte einfach mehr Zeit und Geduld. Doch bald konnte ich das Wort „Geduld“ nicht mehr hören.
Was ich sehr vermisste, war mein Krafttraining. Anfangs September erhielt ich endlich die Erlaubnis wieder damit zu beginnen. Was für ein gutes Gefühl. Dann der erste Tanz mit Ueli, trotz PNP ein Highlight.

Heute 28.9.2017 habe ich die gute Nachricht erhalten, dass unserem Urlaub nichts mehr im Wege steht. Ich wünsche allen MM-Betroffenen und Ihren Angehörigen dass auch Sie irgendwann eine positive Nachricht erhalten mögen.

Hier möchte ich meinen Bericht schliessen doch nicht ohne all den Menschen zu danken, die mich während der nicht ganz einfachen Zeit immer unterstützt haben. Allen voran meinem Ueli. Er hat mich während der schweren Phase immer wieder motiviert durch zu halten. Ich weiss aus meiner MM-Arbeit wie schwer es für die Angehörigen ist, diese Situation aus zu halten. Mein Dank geht auch an meine Familie, Freunde und Bekannte sowie Frau Dr. Stern, sie hat immer an mich geglaubt und motiviert und Herr Dr. Arranto, er war mein Schutzengel während der Aplasie.

„Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann,
so ist es der Glaube an die eigene Kraft“

(M. von  von Ebner-Eschenbach)

 

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Erfahrungsbericht von Ruth Bähler
27. März 2018

Leben mit Multiplem Myelom "Ein Optimist trotz allem"

Jeden Tag erhält ein Schweizer die Diagnose Multiples Myelom. Herbert Hänni, 57, erging es so. Der Basler Gymnasiallehrer lebt seit zehn Jahren mit dieser heimtückischen Krebserkrankung.

Man sieht es ihm nicht an. Herbert Hänni hinterlässt alles andere als einen leidenden, kranken Eindruck. «Es geht mir gut», sagt der Basler Gymnasiallehrer und lächelt entspannt. Er erzählt von Griechenland, wo es ihn die letzten Jahre mit seiner Familie immer wieder hinzog, und von seinen Zukunftsplänen – von einem Leben, das er so nie haben sollte. Denn vor zehn Jahren prophezeiten ihm Ärzte, dass er bloss noch ein paar Wochen zu leben habe.

Multiples Myelom lautete die Diagnose. Eine Magnetresonanz-Tomografie und Bluttests erhärteten diesen schlimmen Verdacht. Hänni litt damals unter fürchterlichen Rückenschmerzen, ein typisches Anzeichen. «Ich wollte nicht sterben», erzählt er, «ich setzte mir zum Ziel, so lange zu überleben, bis unsere beiden Söhne die Schule hinter sich hatten.»

Hänni las alles über sein Leiden, was er finden konnte. Er erfuhr, dass es sich um eine bösartige,  unberechenbare Erkrankung des Immunsystems handelt, eine Art Knochenmark-Krebs. Da stand auch schwarz auf weiss, dass er mit 47 Jahren zu den eher seltenen Fällen gehörte. Meistens sind Menschen zwischen 60 und 65 Jahren betroffen, Männer etwas häufiger als Frauen. Rund 42’000 Neuerkrankungen erfassen Statistiker in Europa jährlich, eine pro Tag in der Schweiz.

Die Ursachen sind weitgehend unbekannt. «Das Multiple Myelom entsteht oft durch einen genetischen Defekt, der während der normalen Teilung bestimmter Immunzellen plötzlich auftreten kann», erklärt Prof. Driessen, Leiter des Labors für Experimentelle Onkologie am Kantonsspital St. Gallen. «Früher lebten die Patienten nach der Diagnose durchschnittlich zwei bis drei Jahre, heute können sie dank modernster Therapien sieben Jahre und mehr überleben.» Der Onkologe kennt Betroffene, die seit 15 Jahren gegen diesen Krebs kämpfen.

Herbert Hänni hat harte Jahre mit höchstdosierten Chemotherapien und drei Stammzellen-Transplantationen hinter sich. Die ersten beiden Operationen mit eigenen Stammzellen scheiterten. Erst die dritte mit Zellen eines Fremdspenders brachte den ersehnten Erfolg, obwohl sein Körper heftig dagegen reagierte. Hänni war öfter im Spital als zu Hause, manchmal verbrachte er Wochen in einem Isolierzimmer. Bis zu dreissig Tabletten musste er täglich schlucken, heute sind es noch acht. «Prof. Alois Gratwohl vom Universitätsspital Basel hat mir immer Mut gemacht», erzählt Hänni. «Der modernen Medizin verdanke ich mein Leben.» Auch der Unterstützung seiner 53-jährigen Ehefrau, die am selben Gymnasium unterrichtet. Hänni: «Susi war immer stark.»

Durch die Krankheit und die Behandlung landete der Turnlehrer und engagierte Sportler für kurze Zeit im Rollstuhl. Er rappelte sich wieder auf, lernte erneut laufen, indem er sich mit kleinen Schritten die Treppen hochzog, jeden Tag ein paar Stufen mehr. «Einmal musste ich sogar ein Gipskorsett tragen, man befürchtete, dass meine geschädigte Wirbelsäule unter der Last des Körpers zusammenbrechen könnte.» Mit Krafttraining baute er seine geschwächte Muskulatur wieder auf.

«Eine typische Folge des Multiplen Myeloms ist ein extremer Knochenabbau», sagt Prof. Driessen. «Die Krankheit kann aber auch die Nieren oder die Nerven angreifen. Gewisse Medikamente verstärken diese Symptome noch. Das kann zu Gefühlsstörungen und Lähmungen in Händen und Füssen führen.» Auch Hänni hat diese Arznei genommen. Inzwischen sind die Lähmungen wieder verschwunden. Er hatte Glück. Doch Turnunterricht kann er nie mehr geben. Auch auf Volleyball und Tennis muss er verzichten, Skifahren und Schwimmen gehen dagegen noch.

Der Basler Familienvater ist trotz allem Optimist geblieben. «Ohne positives Denken hält man eine solche Krankheit nicht durch», ist er überzeugt. Sohn Stefan ist inzwischen 22 Jahre alt und studiert Jus, Reto, 18, steht kurz vor der Matura. Bis beide ihre Ausbildung hinter sich haben, müsste Hänni theoretisch noch fünf Jahre überleben. «Ich hoffe, es wird viel länger sein», sagt er. «Ich habe mir ein neues Ziel gesetzt: mit meiner Familie möglichst lange ohne Beschwerden wieder ein ganz normales Leben zu führen.»

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Gesundheit Sprechstunde, Angela Fässler
10. Mai 2009

Tanz auf dem Vulkan

Wir leben mit dem Myelom
Manche noch frisch geschockt durch die Diagnose
Andere in relativer Sicherheit nach erfolgreicher Therapie
Wieder andere sehr erfahren im Auf und Ab der Erkrankung
Oft aber besser, als wir befürchtet haben

Wir bleiben in jedem Fall herausgefordert
Die mögliche Bedrohung lässt sich nicht völlig auflösen
Doch waches Hoffen
Ist nicht verboten

Wir leben wie auf einem Vulkan
Er kann lange Ruhe geben
Er kann grummeln
Er kann rauchen
Es gibt kleine und grosse Ausbrüche
Ohne Spuren geht es nicht ab

Wir können uns von der Gefahr bannen lassen
Vor lauter Angst das Geniessen der bleibenden Möglichkeiten verpassen
Wir können aber auch lernen zu tanzen
Das Leben auszukosten
Es als Kostbarkeit zu sehen

Tanz kann heissen zu lieben
Tanz kann heissen zu lachen
Tanz kann heissen Neues auszuprobieren
Tanz kann heissen, sich selbst gesetzte Grenzen zu überwinden
Tanz kann heissen das Leben als Geschenk zu nehmen

Tanzen kann man allein, zu zweit aber auch mit vielen gemeinsam
Selbsthilfe ist eine Art Tanz als Gruppe

Wir halten der Bedrohung stand
Wir achten auf die Seismografen
Wir richten uns auf die besonderen Bedingungen dieses Lebens ein
Wir bieten anderen die Hand
Lasst uns ein Tänzchen wagen

Johanna Schick-Stankewitz
12. Dezember 2003

Carpe Diem

Schon die alten Römer sagten, wir sollen den Tag «pflücken», geniessen und etliche Philosophen haben tausende von Seiten zum Thema «Leben» geschrieben.

In unserer westlichen Gesellschaft wird der Gedanke an den Tod möglichst verdrängt. Wenn wir dann damit konfrontiert werden, stehen wir ihm meistens ziemlich hilflos und verängstigt gegenüber. Dabei ist das Leben eigentlich nur einen Abschnitt zwischen zwei grossen Unbekannten: «vorher» und «nachher». Es gibt sogar Kulturen, da sind die Menschen traurig bei einer Geburt, wenn wieder eine arme Seele durch dieses Leben muss, und fröhlich, wenn es zu Ende gegangen ist.

Weder ein hundertjähriger noch eine zwölf Stunden alte Eintagsfliege verschwenden Gedanken an den Tod. Nur der Mensch ist fähig zu solchen Überlegungen. Wir sollten daher den Prozess «werden-sein-vergehen» als ganz natürlichen Vorgang betrachten, der weder gut noch böse ist.

Wenn wir selbst, oder ein uns naher stehender Mensch, von einer lebensbedrohenden Krankheit befallen wird, wird uns die Endlichkeit des Lebens schlagartig bewusst. Trotzdem können wir in dieser Situation eine Chance entdecken: im Gegensatz zu Menschen, die durch Unfall, Mord oder Krieg umkommen, haben wir immer noch Gelegenheit «unser Haus in Ordnung zu bringen» und uns mit Würde zu verabschieden, bevor wir endgültig gehen müssen. Viele Menschen erleben diese Zeit viel intensiver, als ihre bisherigen Lebensjahre. Ich betrachte das auch als ein Privileg. So gesehen sind Krankheit und Tod keine nur negative Erlebnisse.

Wenn es dann aber so weit ist, dass wir - wie alle Lebewesen - gehen müssen oder dürfen, wird uns die Krankheit nicht folgen können: es ist, wie wenn sich unsere Seele, um geheilt zu werden, vom kranken Körper trennen muss. Dann aber werden wir nie mehr mit bangem Herzen die Resultate der Untersuchungen abwarten müssen; wir werden nie mehr von der Krankenschwester mit Infusionsnadeln verstochen und keine Chemo oder Bestrahlung belastet uns mehr mit ihren Nebenwirkungen. Für einen Krebspatienten tönt das doch fast paradiesisch... Aus diesen Blickwinkel betrachtet hat der Tod auch seine gute Seiten und verliert von seinen Schrecken, so diese dann noch da waren.

Jeder Mensch ist einzigartig, wie jede Blume auch. Diese Einzigartigkeit liegt aber in erster Linie darin begründet, dass nichts im Leben unendlich ist. Wir wollen und sollen an unseren Taten gemessen werden, jetzt und später. Aus diesem Grunde sagen die Odd Fellows - eine geistig-soziale humanitäre Vereinigung - wir sollen wirken, so lange es Tag ist. Und oft genug wird das Leben länger dauern, als wir meinen!

Henk Mittendorf
2. Juni 2000

Schlüssel

Ich glaube, dass die Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen können. Ich glaube, es gibt gewisse Tore, die einzig die Krankheit öffnen kann. Es gibt jedenfalls einen Gesundheitszustand, der es uns nicht erlaubt, alles zu verstehen. Vielleicht verschliesst uns die Krankheit einige Wahrheiten; ebenso aber verschliesst uns die Gesundheit andere oder führt uns davon weg, so dass wir uns nicht mehr darum kümmern. Ich habe unter denen, die sich einer unerschütterlichen Gesundheit erfreuen, noch keinen getroffen, der nicht nach irgendeiner Seite hin ein bisschen beschränkt gewesen wäre, - wie solche, die nie gereist sind.

André Gide

Gedanken zum Abschied

Sterben muss ich mit leeren Händen. Mit einem leichten, luftigen Kopf. Ich gehe fort ohne Gepäck, nur mit mir allein. Mit einem prallgefüllten Herzen. Voll Liebe, voll Glück, voll Wärme, voll Kraft.

Die Augen sehen Wälder, Berge, Meere, sanfte Landschaften. Die Nase riecht Regen, Blumen, Essen, Düfte, Kräuter. Die 0hren hören Musik, Regentropfen, Stille, ein Bellen in der blauen, fernen Luft.

Ann-Marie

Zeit

«Ich möchte etwas Zeit kaufen», sagte der kleine hagere Mensch.
Der grosse Pinguin sah ihn ganz verdattert an.
Und der kleine Mensch, schon etwas nervöser: «Etwas Zeit, hätte ich gern.»

Dieser seltsame Dialog entspringt nicht etwa der Endzeit, sondern entspricht der schönen, neuen GenZeit.

«Zeit?» fragte der grosse Pinguin, schon etwas weniger verdattert.
Und der hagere Mensch erwiderte: «Zeit, ja Zeit, was kostet die bei Ihnen?»
«Zeit führen wir leider nicht» und etwas ironisch, «wenn sie vielleicht in ein paar Tagen wieder nachfragen...»

Der kleine Mensch fand dies aber gar nicht lustig und insistierte: «Zeit, Zeit, sagen Sie mir, was sie kostet und ich bezahle den Preis.»
Der grosse Pinguin dachte, wenn der das unbedingt haben will und ich es nicht im Sortiment führe, ja nicht einmal kenne, kostet das ganz bestimmt unheimlich viel, wahrscheinlich ist es beinahe unbezahlbar. Er stemmte seine beiden Flügel in die gutgenährte Hüfte, wetzte den Schnabel, wippte auf seinen beiden Flossen und sagte schalkhaft: «Sie sehen aber gar nicht aus wie Dagobert Duck, wie wollen Sie denn das bezahlen?» Dabei wusste der grosse Pinguin, der ein uraltes, schmuddeliges Comic auf die Seite legte, noch gar nicht, was der hagere Mensch eigentlich wollte.

Trotz GenZeit, denkenden und sprechenden Pinguinen funkten diese Menschen noch nicht ganz auf derselben Wellenlänge. Das hatten sie noch nicht geschafft. Die Tücken der GenZeit.

Der kleine Mensch dachte, dass im Lager bestimmt etwas Zeit vorhanden sei und hakte beim grossen Pinguin nach. Dieser erklärte ihm, was wirklich bei ihm eingelagert war: «Gletschereis, Nord- und Südpoleis, Grönlandeis, Feuerland- oder Alaskaeis. Driftende Eisschollen werden täglich geliefert. Oder wollen Sie etwas aus der Eiszeit?»
«Sehen Sie, da ist die Zeit stehen geblieben», rief der Mensch erfreut, «eingefroren».
«Erst vorhin», meinte der grosse Pinguin, «hat jemand ein paar alte Eiswürfel für einen Drink gewollt. Einen Drink mit viel Zeit, um zu vergessen, hat dieser noch gesagt.»
«Nicht vergessen, ich brauche Zeit, mehr Zeit, deshalb habe ich Sie aufgesucht.»

Aus bester Quelle sei ihm gesagt worden, das er im «carpe diem» die Zeit finde welcher er suche. Und nun endlich habe er das alte Gebäude gefunden, wo diese beiden Worte über dem Torbogen in Stein gemeisselt sind. Da solle doch er, als Pinguin, ihm nicht erzählen, dass er keine Zeit habe.

Der kleine, hagere Mensch war nicht grösser als ein Dreikäsehoch. Er war Vertreter der neuen Gattung Kleinmensch, die vom Homo Sapiens einst quasi herangezüchtet worden war, um Zeit zu gewinnen und andere Ressourcen zu erschliessen. Gerade auch um die zeitaufreibenden Staus auf den Autobahnen zu vermeiden. Kleinere Menschen, kleinere Bewegungsmittel, mehr Platz, kein Stau, entsprechend mehr Zeit. So war gedacht worden. Der Kleinmensch konnte gerade knapp über den Tresen sehen. Er erklärte sich dem grossen Pinguin und erläuterte sein Anliegen.

Dauernd habe er eine volle Agenda. Er führe eine alte, eine wie früher, auf Papierersatz und dazu die digitale, die visuellgesprochene. Trotz Planung habe er nie Zeit, sein Siebenundzwanzigstundentag sei einfach zu wenig. Er hetze von Termin zu Termin und könnte glatt das doppelte gebrauchen. Früher habe er noch mehr Zeit gehabt. Je älter er werde, desto weniger Zeit bleibe ihm. Seine Lebenszeit laufe ab. Er krempelte seine Ärmel hoch und zeigte dem grossen Pinguin seine Uhren. zwei links, eine rechts.
«Damit versuche ich die Zeit besser einzuteilen. Damit ich nicht zu spät komme, stelle ich die eine Uhr immer ein paar Einheiten vor.»

Den grossen Pinguin aber berührte dieses Anliegen nicht in der entferntesten Weise. Er dachte an Vorfahren vom kleinen Menschen, an das Volk der Maya, welche wohl nicht gross anders gewesen waren, sie führten gleich mehrere Kalender nebeneinander. Der grosse Pinguin wusste, dass er seinen Tag nutzte, wie es auch schon immer seine Vorfahren getan hatten. Er würde nie einen solchen Zeitmesser benutzen, wo es doch gar nichts zu messen gab. Er hatte wie seine Gattung schon lange verstanden, dass er sein Leben mit Tätigkeiten verbringt, welche im Einklang mit seinen Lebensvorstellungen und -zielen stehen, aber keineswegs dringend sind.

Der grosse Pinguin saget dem kleinen Menschen, dass er noch einmal ohne diese Uhren, welche ihn einteilen, durchs Leben gehen solle. «Legen Sie sie ab. Deponieren Sie sie bei mir.» Und der kleine, hagere Mensch begann, er begann zu sinnieren.

«Geben Sie mir etwas Zeit, ich werde darüber nachdenken», sagte der kleine Mensch zum grossen Pinguin, drehte sich auf seinem Absatz, um den Laden zu verlassen und sich vorübergehend zu verabschieden, auf Zeit sozusagen...

George Weber